Der Aachener Karlsschrein

Wolfgang Schmid: Die Königsreihe am Aachener Karlsschrein. Heiligenverehrung, Schatzkunst und Politik um 1200. (Geschichte im Bistum Aachen, Beiheft 10) Neustadt 2020 (408 S., 34 Abb.).

Der Karlsschrein im Aachener Dom zählt zu den Hauptwerken der Goldschmiedekunst der Romanik. Gegenüber den anderen Werken besitzt er jedoch ein Alleinstellungsmerkmal: An den beiden Langseiten ist eine Galerie von insgesamt 16 römischen Kaisern und Königen angebracht, die den 1165 heiliggesprochenen Karl den Großen an der Stirnseite flankieren. Diese Herrscherreihe hat die Forschung seit vielen Jahrzehnten beschäftigt, weil weder eine chronologische Reihung noch eine Begründung der Auswahl erkennbar war.

Die vorliegende Publikation beginnt mit einer breit angelegten Forschungs- und Restaurierungsgeschichte des Karlsschreins, die die beiden Hauptpositionen kritisch referiert: Einige Autoren sahen im Karlsschrein ein Medium staufischer Kunstpropaganda, das zentrale Elemente der imperialen Ideologie Friedrich Barbarossas verbildlichte, während andere ein Programm der Selbstdarstellung des Marienstifts zu erkennen glaubten, das seine wichtigsten Wohltäter darstellen ließ.

Im zweiten Teil der Studie wird der historische Kontext des Karlsschreins detailliert ausgeleuchtet. Die Herrscherlisten der Privilegienbestätigung von 1226 und des Totenbuchs von 1243 erweisen sich ebenso als Produkte zeitspezifischer Redaktionsprozesse wie unsere Herrscherreihe. Eine Feinanalyse der Aachener Geschichte im staufisch-welfischen Thronstreit lässt erkennen, wann welche Partei Zugriff auf den Schrein hatte und Veränderungen an dessen Bildprogramm vornehmen konnte. Weitere Untersuchungen zu den dargestellten Herrschern belegen, dass es eine nicht auf den Karlskult beschränkte staufische Kanonisationspolitik gegeben hat, die den Kontext der Heiligsprechung Karls des Großen bilden. Ein Vergleich mit dem wenige Jahre später entstandenen, gut dokumentierten Marienschrein erlaubt es, die Rolle des Marienstiftes und seines Propstes und seine Beziehungen zum Kaiserhof herauszuarbeiten. Die Arbeit verdeutlicht die Erkenntnismöglichkeiten, die sich aus einer Interpretation der Werke mittelalterlicher Schatzkunst in ihren historischen, memorialen und liturgischen Kontexten ergeben können und empfiehlt eine Fortsetzung bei weiteren Reliquienschreinen der Romanik.

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